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AKTUELLES THEMA: Satan von Khalil Gibran


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Zauberengel

Verfasst am: So Jul 17, 2005 10:38    Titel: Satan von Khalil Gibran  

Eine Geschichte die mich sehr bewegt und nachdenklich gemacht hat

Satan von Khalil Gibran

Die Menschen betrachteten Vater Samaan als ihren Führer in geistigen und theologischen Fragen. Er war eine Autorität und eine Quelle nicht enden wollender Auskünfte über lässliche und schwere Sünden und sehr bewandert in den Geheimnissen der Hölle, des Paradieses und des Fegefeuers.Vater Sammans Sendung im Nordlibanon ließ ihn von einem Ort zum anderen wandern; er predigte und heilte die Menschen von der geistigen Krankheit der Sünde und errettete sie aus den schrecklichen Fallen des Teufels. Die Fellachen verehrten und achteten diesen Gottesmann und waren stets bemüht, seinen Rat oder seine Gebete mit Gold oder Silber zu bezahlen. Bei jeder Erntegaben sie ihm die besten Früchte ihrer Felder.Aan einem Herbstabend, als Vater Samaan auf dem Weg zu einem einsamen Dorf Hügel und Täler durchwanderte, hörte er einen schmerzerfüllten Schrei aus einem Graben bei der Straße.


Als er stehen blieb und in Richtung der Stimme blickte, gewahrte er einen unbekleideten Mann, der auf dem Boden lag. Das Blut floss in Strömen aus den tiefen Wunden an seinem Kopf und seiner Brust. Sein Stöhnen um Hilfe war mitleiderregend : „ Rettet mich, helft mir. Erbarmt euch meiner ich sterbe.“ Vater Samaan sah bestürzt auf den gequälten Mann und sagte zu sich selber: „ Der Mann muss ein Dieb sein. Er hat wahrscheinlich versucht, Wanderer auszurauben, und es ist ihm misslungen. Ich fürchte, wenn er stirbt, werde ich noch angeklagt, ihn umgebracht zu haben.“Nach diesen Überlegungen wandte er sich, um seinen Weg fortzusetzen. Aber der Sterbende hielt ihn zu­rück: „Verlasst mich nicht! Ich sterbe.“ Daraufhin überdachte der Vater die Lage noch einmal, und sein Gesicht wurde blass, als ihm bewusst wurde, dass er Hilfe verweigerte. Seine Lippen bebten, als er zu sich selbst sagte: „Er muss einer von den Narren sein, die durch die Wildnis wandern. Der Anblick seiner Wun­den lässt mein Herz erzittern. Was soll ich tun? Ein Heilkundiger der Seele kann wohl keine Wunden des Fleisches heilen?“ Vater Samaan tat einige Schritte, als der Halbtote eine schmerzerfüllte Klage ausstieß, die einen Stein erweicht hätte: „Kommt, kommt näher zu mir! Denn wir waren lange Zeit Freunde... Ihr seid Vater Samaan, der gute Hirte, und ich bin weder ein Dieb noch ein Narr. Kommt näher und lässt mich nicht an diesem verlassenen Ort sterben. Kommt, und ich will euch erzählen, wer ich bin.“Vater Samaan näherte sich dem Mann, kniete nieder und sah ihn aufmerksam an; aber er erblickte ein frem­des Gesicht mit widersprüchlichen Zügen. Er sah Intelligenz und Schlauheit, Hässlichkeit und Schönheit, Bosheit und Milde. Er erhob sich, trat einen Schritt zurück und rief aus: „Wer bist du?“ Mit vergehender Stimme antwortete der Sterbende:„Fürchtet mich nicht, Vater, denn wir waren lange gute Freunde. Helft mir aufzustehen und bringt mich zum nahen Bach und reinigt meine Wunden mit eurem Lei­nen.“ Aber der Vater fragte weiter: „Sagt mir, wer ihr seid, denn ich kenne euch nicht, noch kann ich mich entsinnen, euch je gesehen zu haben.“ Der Mann antwortete mit gequälter Stimme: „Ihr wisst, wer ich bin. Ihr habt mich tausende Male gese­hen, und jeden Tag sprecht ihr von mir. Ich bin euch näher als euer eigenes Leben.“ Der Vater erwiderte: „Ihr seid voll Lüge und Betrug. Ein Sterbender sollte die Wahrheit sagen... Niemals in meinem Leben habe ich euer von Bosheit erfülltes Gesicht gesehen. Sagt mir, wer ihr seid, oder ich werde zusehen, wie ihr um­kommt, ertränkt in eurem eigenen, entfliehenden Le­ben.“ Da bewegte sich der Verwundete langsam, sah in die Augen des Gottesmannes, und auf seinen Lippen lag ein geheimnisvolles Lächeln. Mit ruhiger, tiefer, sanfter Stimme sagte er: „Ich bin Satan!“


Als er das furchtbare Wort vernahm, stieß Vater Samaan einen schrecklichen Schrei aus, der in den Wei­ten des Tales widerhallte. Dann starrte er den anderen an und bemerkte, dass der Körper des Sterbenden mit seinen grotesken Verrenkungen dem Abbild Satans auf einem der religiösen Bilder der Dorfkirche sehrähnlich war. Er erzitterte und rief aus: „Gott hat mir dein höllisches Bild gezeigt und zu recht bewirkt, dass ich dich hasse. Sei für immer verflucht! Der Hirte muss das kranke Lamm schlachten, auf dass es die anderen nicht anstecke!“ Der Teufel antwortete: „Sei nicht so eilig, Vater, und verlier nicht kostbare Zeit mit leerem Gerede. Komm schnell und schließ meine Wunden, bevor das Leben aus meinem Körper entwichen ist.“ Der Gottesmann antwortete: „Die Hände, die Gott täglich ein Opfer darbringen, sollen nicht einen Leib berühren, der der Ausfluss der Hölle ist. Du musst sterben, verflucht von allen Zungen durch die Jahrhunderte. Fluchen sollen dir die Menschen, denn du bist der Feind der Mensch­heit, und es ist dein erklärtes Ziel, alle Tugend zu zer­stören.“Der Teufel wand sich vor Qual, stützte sich auf einen Ellbogen und erwiderte: »Du weißt nicht, was du sagst, noch begreifst du das Verbrechen, das du auf dich nimmst. Sei auf der Hut; schenk mir deine Aufmerk­samkeit, denn ich will dir meine Geschichte erzählen. Ich wanderte heute allein in diesem abgeschiedenen Tal. Als ich an diese Stelle kam, stieg eine Gruppe En­gel herab, um mich anzugreifen, und verletzte mich schwer. Wenn nicht der eine dabeigewesen wäre, der mit dem Flammenschwert mit den zwei scharfen En­den, ich hätte sie in die Flucht geschlagen, aber ich hatte keine Macht gegen dieses Schwert.“ Der Teufel hielt einen Augenblick in seiner Erzählung inne und presste seine zitternde Hand auf eine Wunde an seiner Seite. Dann fuhr er fort: „Der bewaffnete Engel — ich glaube, es war Michael — war ein erfahrener Gladiator. Hätte ich mich nicht auf den freundlichen Boden ge­worfen und vorgegeben, erschlagen zu sein, er hätte mich bis zum grausamen Tod zerrissen.“


Mit triumphierender Stimme, die Augen dem Himmel zugewandt, betete der Vater: „Gesegnet sei der Name Michaels, der die Menschheit von diesem bösen Feind befreit hat.“Aber der Teufel protestierte: „Mein Menschenhass ist nicht größer als deine eigene Geringschätzung. Du lobst Michael, der nie kam, um dich zu retten. Du ver­fluchst mich in der Stunde meiner Niederlage, obwohl ich immer die Quelle deiner Ruhe und deines Glückes war. Du verweigerst mir deinen Segen und deine Freundlichkeit, dennoch lebst und gedeihst du im Schatten meiner Existenz. Meine Existenz liefert dir sowohl Rechtfertigung als auch Waffen für deinen Le­bensweg, und meinen Namen verwendest du als Be­gründung für deine Taten. Hat nicht meine Vergangen­heit bewirkt, dass du mich jetzt und in Zukunft brauchst? Hast du dein Ziel erreicht im Ansammeln des gewünschten Reichtums? Hast du es am Ende un­möglich gefunden, noch mehr Gold und Silber von deinen Anhängern zu erhalten, indem du mein Reich als Drohung verwendest?Hast du noch nicht begriffen, dass du verhungern müsstest, wenn ich tot wäre? Was würdest du morgen tun, wenn du mich heute sterben lässt? Welcher Berufung würdest du folgen, wenn mein Name verschwun­den wäre? Jahrzehntelang bist du durch diese Dörfer gewandert und hast die Menschen davor gewarnt, in meine Hände zu fallen. Sie haben deinen Rat gekauft mit ihren armen Denaren und den Früchten ihres Lan­des. Was sollten sie morgen bei dir erstehen, wenn sie begreifen, dass ihr böser Feind nicht mehr existiert? Dein Beruf ginge mit mir dahin, wenn die Menschen vor Sünde gesichert wären. Als Priester begreifst du nicht, dass die Existenz Satans seine Feindin, die Kirche erschaffen hat?Dieser alte Konflikt ist die ge­heime Hand, die Gold und Silber aus den Taschen der Gläubigen zieht und es für immer im Beutel der Predi­ger verschwinden lässt. Wie kannst du zulassen, dass hier sterbe, wenn du weißt, dass du weißt, dass du deinen Ruf, deine Kirche und deinen Lebensun­terhalt verlierst?“Der Teufel verstummte für einen Augenblick, seine Unterwürfigkeit verwandelte sich in Zuversicht, und er fuhr fort: „Vater, du bist stolz, aber unwissend. Ich will dir eine Geschichte des Glaubens enthüllen, in der du Wahrheit finden sollst, die unser beider Wesen zu­sammenfügt und meine Existenz mit deiner verbindet.


In der ersten Stunde, am Beginn der Zeiten, stand der Mensch vor dem Angesicht der Sonne, streckte ihr seine Arme entgegen und rief zum erstenmal: Hinter dem Himmel ist ein großer, liebender, gütiger Gott. Dann wandte der Mensch dem großen Lichtkreis sei­nen Rücken, erblickte seinen Schatten auf der Erde und rief aus: In den Tiefen der Erde ist ein dunkler Teu­fel, der das Böse liebt.Darauf ging der Mensch zu seiner Höhle und flü­sterte vor sich hin: Ich stehe zwischen zwei mächtigen Kräften. Bei einer muss ich Zuflucht nehmen, gegen die andere muss ich kämpfen. Die Zeiten gingen dahin, der Mensch lebte zwischen den beiden Mächten, die eine segnete er, denn sie erhöhte ihn, die andere verfluchte er, denn sie verursachte ihm Furcht. Niemals aber begriff er den Sinn von Fluch und Segen. Er stand zwi­schen beiden wie ein Baum zwischen dem Sommer, in dem er grünt, und dem Winter, in dem er friert.Als der Mensch die Zivilisation heraufdämmern sah, begann er, nach seinem menschlichen Verstand Fami­lien zu gründen. Darauf folgte die Sippe, in der man die Arbeit nach Fähigkeit und Talent aufteilte. Der eine Stamm bepflanzte das Land, der andere baute Wohnstätten, der dritte fertigte Gewänder oder ging auf die Jagd. Dann erschien die Kunst des Wahrsagens auf der Erde, und das war der erste Beruf des Menschen, der jeder wirklichen Notwendigkeit entbehrte.“Der Teufel hielt einen Augenblick inne in seiner Rede. Dann lachte er, und seine Heiterkeit ließ das leere Tal erheben. Aber sein Lachen brachte ihm seine Wunden in Erinnerung, und er legte seine Hand auf seine Seite und litt an seinen Schmerzen. Er stützte sich auf und fuhr fort: „Die Gabe der Weissagung er­schien auf der Erde und trieb seltsame Blüten.Im ersten Stamm gab es einen Mann, den sie La Wiss nannten. Der Ursprung des Namens ist mir unbekannt. Er war ein intelligentes Geschöpf, aber äußerst faul, und Arbeit wie Ackerbau oder Häuserbauen oder Viehhüten oder jede andere Tätigkeit, die mit körperli­cher Arbeit oder Anstrengung zutun hatte, war ihm zu­wider. Weil man aber zu dieser Zeit Essen nur durch harte Arbeit bekommen konnte, musste La Wiss viele Nächte mit leerem Magen schlafen.An einem Sommerabend, als die Mitglieder des Stammes bei der Hütte ihres Ältesten versammelt wa­ren, das Ergebnis des vergangenen Tages besprachen und die Nacht herannahte, sprang plötzlich einer von ihnen auf, zeigte auf den Mond und rief aus: >Seht den Gott der Nacht! Sein Angesicht ist dunkel, seine Schönheit verschwunden. Er hat sich in einen schwar­zen Stein verwandelt, der an der Himmelskuppel hängt!< Die Menge starrte den Mond an, stumm vor Ehrfurcht. Die Menschen wurden vor Furcht geschüt­telt, als ob die Krallen der Finsternis nach ihren Herzen gegriffen hätten: sie sahen, wie der Gott der Nacht sich langsam in einen dunklen Ball verwandelte, das helle Angesicht der Erde sich veränderte, und wie Hügel und Täler vor ihren Augen hinter einem schwarzen Schleier verschwanden.In diesem Augenblick trat La Wiss hervor — er hatte schon eine Mondfinsternis gesehen und wusste, welch einfache Begründung es dafür gab — aber er war fest entschlossen, seine Chance zu nützen. Er stand in der Mitte der Schar, hob seine Hände zum Himmel und sprach mit lauter Stimme: >Kniet nieder und betet, denn der böse Gott der Finsternis liegt im Kampf mit dem hellen Gott der Nacht. Wenn der böse Gott die Oberhand gewinnt, werden wir alle umkommen, aber wenn der Gott der Nacht gewinnt, werden wir am Le­ben bleiben. Betet mit Inbrunst... bedeckt eure Ge­sichter mit Erde. . . schließt eure Augen und erhebt eure Gesichter nicht zum Himmel, denn wer Zeuge des Kampfes der Götter ist, wird Augenlicht und Verstand verlieren; Blindheit und Wahnsinn werden ihn beglei­ten ein Leben lang. Neigt eure Köpfe tief zur Erde, und mit eurem ganzen Herzen unterstützt den Gott der Nacht gegen seinen Feind, der auch der unsere ist!<La Wiss fuhr fort, auf diese Art zu sprechen und gebrauchte viele geheimnisvolle Worte, die er selbst er­funden und die die anderen niemals gehört hatten. Nach diesem ausgeklügelten Betrug — der Mond war wieder herrlich anzusehen wie zuvor — erhob er seine Stimme noch lauter und sagte in eindrucksvollem Ton:>Erhebt euch und blickt auf den Gott der Nacht, der über seinen bösen Feind triumphiert hat. Nun setzt er seinen Gang am Sternenhimmel fort. Seid euch be­wusst, dass ihr ihm durch euer Gebet geholfen habt, den Teufel der Finsternis zu überwinden. Darum scheint er heller als je zuvor.<Die Menge erhob sich und starrte den Mond an, der in großer Helligkeit erstrahlte. Ihre Angst verwandelte sich in Ruhe, und ihre Verwirrung wurde zur Freude. Sie begannen zu tanzen und zu singen, sie schlugen mit Stäben auf Metall und erfüllten das ganze Tal mit ih­rem Gesang und Geschrei.In dieser Nacht rief der Stammesälteste La Wiss zu sich und sagte zu ihm: >Du hast etwas getan, das kein Mensch vor dir getan hat. Du hast gezeigt, dass du um verborgene Geheimnisse weißt, die keiner von uns ver­sieht. Im Einverständnis mit dem Willen meiner Leute sollst du nach mir der Ranghöchste im Stamm sein. Ich bin der Stärkste, du bist weise und gelehrt. Du bist der Mittler zwischen unseren Leuten und den Göttern, du sollst uns ihr Begehren und ihr Verhalten deuten, und du wirst uns lehren, was wir tun müssen, um den Segen und die Liebe der Götter zu bewahren!<La Wiss versicherte ihm in seiner durchtriebenen Art: >Alles, was der Gott der Menschen mir in meinen überirdischen Träumen enthüllt, werde ich euch über­mitteln im Zustand des Wachens, und ihr könnt versi­chert sein, das ich als Mittler zwischen Gott und euch wirken werde.< Der Älteste war es zufrieden, gab La Wiss zwei Pferde, sieben Kälber, siebzig Schafe und siebzig junge Lämmer und sprach zu ihm: >Die Männer des Stammes sollen für dich ein starkes Haus bauen, und von jeder Ernte werden sie dir einen Teil der Feldfrüchte abtreten, auf dass du als ehrenwerter und ge­achteter Meister leben kannst.<La Wiss erhob sich, um sich zu entfernen, aber der Älteste hielt ihn zurück und sagte: >Wer und was ist der eine, den du Gott der Menschen nennst? Wer ist dieser verwegene Gott, der mit dem glorreichen Gott der Nacht ringt? Wir haben nie über ihn nachgedacht!< La Wiss strich sich über die Stirne und antwortete ihm: >Mein verehrter Meister: in alten Zeiten, vor der Er­schaffung des Menschen, lebten alle Götter friedlich zusammen in einer Welt hinter der Weite der Sterne. Der Gott der Götter war ihr Vater, er wusste, was sie nicht wussten, und tat, was sie nicht vermochten. Und er behielt die göttlichen Geheimnisse, die über allen ewigen Gesetzen waren, für sich. In der siebenten Epo­che des zwölften Zeitalters erhob sich der Geist Bah­taars, der den großen Gott hasste, gegen seinen Vater, und er sagte: Warum behältst du Macht und Autorität über alle Wesen für dich und verbirgst vor uns die Ge­heimnisse und Gesetze des Universums? Sind wir nicht deine Kinder, die an dich glauben und mit dir Verstehen und ewiges Sein teilen?Der Gott der Götter entbrannte in Wut und sagte: Ich werde die oberste Gewalt, die höchste Machtbe­fugnis und die wesentlichsten Geheimnisse für michbehalten, denn ich bin der Anfang und das Ende!Darauf erwiderte Bahtaar: Wenn du nicht Macht und Stärke mit mir teilst, werden ich und meine Kinder und Kindeskinder in Rebellion gegen dich aufstehen! In diesem Augenblick erhob sich der Gott der Götter auf seinem Thron im hohen Himmel, er zog das Schwert, griff nach der Sonne als Schild und mit einer Stimme, die die Ewigkeit erschütterte, rief er aus: Steige hinab, du elender Rebell, in die traurige Unter­welt, wo Dunkelheit und Elend herrschen. Das soll dein Exil sein, bis die Sonne zu Asche wird und die Sterne sich in kleinen Teilchen versprühen. In dieser Stunde sank Bahtaar von der oberen Welt in die untere, wo die bösen Geister hausen. Daraufhin schwor er beim Geheimnis des Lebens, dass er seinen Vater und seine Brüder bekämpfen und jede Seele, die sie liebte. in eine Falle locken wolle!<Als der Älteste das hörte, umdüsterte sich seine Stirn und sein Gesicht wurde blass. Er meinte vorsichtig:> ­Dann ist Bahtaar der Name des bösen Gottes?< LaWiss gab zur Antwort: >Sein Name war Bahtaar, als er noch der oberen Welt angehörte, aber als er die untere Welt betrat, nahm er der Reihe nach folgende Namen an: Baalzabul, Satanail, Balial, Zamiel, Ahriman, Mara, Abdon, Teufel und schließlich Satan, welcher der berühmteste Name von allen ist.<Der Älteste wiederholte das Wort >Satan< mehrere Male mit bebender Stimme, die klang wie das Rascheln trockener Blätter, durch die der Wind fährt. Dann sagte er: Warum hasst Satan Menschen und Götter gleichermaßen?<La Viss antwortete eilfertig: >Er hasst die Menschen, denn sie sind Nachkommen der Brüder und Schwe­stern Satans.< Da rief der Älteste aus: >Dann ist Satan direkter Verwandter des Menschen!< Mit einer Stimme, in der Verwirrung und Ärger sich mengten, gab La Wiss zurück: >Ja, Meister, aber er ist ihr großer Feind, der ihre Tage mit Elend erfüllt und ihre Nächte mit schrecklichen Träumen. Er ist die Macht, die den Sturm zu ihren Hütten lenkt, Trockenheit auf ihre Fel­der bringt und Krankheit über sie und ihre Tiere. Er ist ein böser und zugleich mächtiger Gott. Er ist gemein, er freut sich, wenn wir Kummer haben, und trauert, wenn wir glücklich sind. Wir müssen ihn unter Zuhil­fenahme meines Wissens genau beobachten, um seiner Bosheit zu entkommen. Wir müssen sein Wesen stu­dieren, damit wir nicht seinen mit Fallen versehenen Weg gehen.<Der Älteste lehnte seinen Kopf an seinen dicken Stab und sagte flüsternd: )Ich habe jetzt das Geheimnis der seltsamen Macht begriffen, die den Sturm auf un­sere Häuser lenkt und Pest und Krankheit über uns und unsere Herden bringt. Meine Leute sollen alles er­fahren, was ich jetzt weiß. La Wiss sei gesegnet, geehrt und verherrlicht dafür, dass er ihnen das Geheimnis ih­res mächtigen Feindes enthüllt hat und sie von der Straße des Bösen wegführt.<La Wiss verließ den Stammesältesten und zog sich‘ in seine Höhle zurück, glücklich über seinen Erfindungs­reichtum und trunken vom Wein seines Vergnügens und seiner Phantasie. In dieser Nacht schliefen der Äl­teste und sein ganzer Stamm, mit Ausnahme von La Wiss, zum ersten Mal einen Schlaf, der erfüllt war von schrecklichen Geistern, angsterregenden Gespenstern und unruhigen Träumen.“


Der Teufel hielt einen Augenblick inne und Vater Sa­maan sah ihn verwirrt an. Auf Vater Samaans Lippen erschien das krankhafte Lächeln des Todes. Dann fuhr der Teufel fort: „So kam die Gabe der Weissagung auf die Erde, und meine Existenz war der Grund für ihr Er­scheinen. La Wiss war der erste, der meine Grausam­keit zu seiner Berufung machte. Nach dem Tode von La Wiss wurde dieser Beruf von seinen Kindern weiter­gegeben und hörte nicht auf zu gedeihen, bis er ein or­dentlicher und göttlicher Beruf war, der von jenen er­griffen wurde, deren Geist reich an Wissen ist, deren Seelen vornehm und deren Herzen rein sind, und de­ren Phantasie keine Grenzen kennt.In Babylon verneigten sich die Menschen siebenmal in Verehrung vor einem Priester, der mich mit seinen Gesängen bekämpfte. In Ninive betrachteten sie einen Mann, der behauptete, mein Geheimnis zu kennen, als goldene Brücke zwischen Gott und den Menschen. In Tibet nannten sie jemanden, der mit mir stritt, Sohn der Sonne und des Mondes. In Byblos, Ephesos und Antiochia brachten sie die Leben ihrer Kinder meinen Widersachern zum Opfer. In Jerusalem und Rom leg­ten sie ihr Leben in die Hände derer, die behaupteten, mich zu hassen, und sie bekämpften mich mit allen Mitteln. In jeder Stadt unter der Sonne war mein Name der Mittelpunkt jedes Kreises, der sich mit Religion, Kunst oder Philosophie befasste. Wäre ich nicht gewesen, es wären weder Tempel erbaut, noch Türme und Paläste errichtet worden. Ich stehe hinter dem Mut, der die Menschen zu Entscheidungen treibt. Ich bin Satan auf ewig.


Ich binSatan, den die Menschen bekämpfen, um selbst am Leben zu bleiben. Falls sie aufhören sollten, gegen mich zu streiten, wird Trägheit ihren Geist und Seele ersticken, wie es die grausigen Strafen ihrer gewaltigen Mythen bestimmen.Ich bin der wütende und stumme Sturm, der Geist und Seele der Menschen beunruhigt. Aus Angst vor mir suchen sie eigene Orte des Gebetes auf, um mich zu verdammen, oder Orte des Lasters, um mich durch ihre Unterwerfung zu beglücken. Der Mönch, der in der Stille der Nacht betet, um mich von seinem Bett fernzuhalten, gleicht der Dirne, die mich in ihre Kammer einlädt. Ich bin Satan auf immer und ewig.Ich bin der Erbauer von Klöstern und Konventen auf den Grundmauern der Angst. Ich errichte Schnapsbu­den und Freudenhäuser auf den Grundmauern der Lust und Selbstgefälligkeit. Wenn ich aufhöre zu exi­stieren, werden Angst und Freude in der Welt abge­schafft sein, und durch ihr Verschwinden werden Wünsche und Hoffnungen aufhören, des Menschen Herz zu bedrängen. Das Leben wird leer und kalt sein, wie eine Harfe mit gerissenen Saiten. Ich bin Satan auf ewig.


Ich bin das Urbild von Falschheit, Verleumdung, Verrat, Betrug und Spott. Aber wenn diese Elemente aus der Welt geschafft würden, würde sich die menschliche Gesellschaft in ein leeres Feld verwandeln, auf dem nichts gedeiht außer den Dornen der Tugend. Ich bin Satan auf ewig.


Ich bin Vater und Mutter der Sünde, aber wenn die Sünde verschwindet, würden auch die Streiter wider die Sünde verschwinden, zusammen mit ihren Fami­lien und Gemeinschaften.Ich bin das Kernstück von allem Bösen. Willst du wirklich, dass das menschliche Leben zusammen mit meinen Herzschlägen zum Stillstand kommt? Bist du bereit, das Ergebnis hinzunehmen, wenn du die Ursa­che zerstört hast? Ich bin die Ursache! Wirst du zulas­sen, dass ich in dieser verlassenen Wildnis verende? Willst du wirklich das Band durchtrennen, das uns zu­sammenhält? Antworte mir, Gottesmann! „Der Teufel streckte seine Arme aus, beugte seinen Kopf nach vorne und atmete schwer. Sein Gesicht wurde grau, und er ähnelte den ägyptischen Statuen, die, von den Zeiten verwüstet, an den Ufern des Nils liegen. Dann heftete er seine glitzernden Augen auf Va­ter Samaans Gesicht und sagte mit vergehender Stimme: „Ich bin schwach und müde. Es war falsch, meine vergehenden Kräfte dafür zu verwenden, dir Dinge zu sagen, die du ohnehin schon wusstest. Du kannst jetzt tun, wie es dir beliebt. Du kannst mich nach Hause tragen und meine Wunden behandeln, oder mich hier dem sicheren Tod überlassen.“


Vater Samaan zitterte und rieb unruhig seine Hände, und mit entschuldigender Stimme sagte er: „Ich weiß jetzt, was ich vor einer Stunde noch nicht wusste. Ich weiss, dass dein Vorhandensein in dieser Welt die Ver­suchung hervorbringt, und Versuchung ist ein Mass, mit dem Gott den Wert der menschlichen Seele misst. Sie ist eine Waage, die Gott braucht, um die Seelen zu wägen. Ich bin sicher, dass mit deinem Tod auch die Versuchung stirbt, und damit würde der Tod die beste Kraft zerstören, die die Menschen emporhebt und wachsam erhält. Du musst leben, denn wenn du stirbst und die Men­schen erfahren davon, wird ihre Angst vor der Hölle verschwinden, sie würden aufhören, Gott anzubeten, denn es gäbe keine Sünde mehr. Du musst leben, denn dein Leben bedeutet die Errettung der Menschheit von Laster und Sünde.Und was mich anlangt, so will ich meinen Hass für dich auf dem Altare meiner Liebe zu den Menschen zum Opfer bringen.“Der Teufel stieß ein Lachen aus, das die Erde er­schütterte und sagte: „Was für ein kluger Mensch bist du doch, Vater. Welch hervorragendes Wissen besitzt du auf dem Gebiet der Theologie! Kraft deines Wissens hast du einen Grund für meine Existenz gefunden, den ich nie begriffen habe, und jetzt verstehen wir, dass wir einander brauchen.Komm näher zu mir, mein Bruder. Die Dunkelheit senkt sich auf die Ebene, die Hälfte meines Blutes ist in den Sand dieses Tales geflossen, und nichts ist von mir geblieben, als die Reste eines zerstörten Körpers, den der Tod bald in Besitz nehmen wird, es sei denn, du lei­stest schnell Hilfe.“ Vater Samaan rollte die Ärmel sei­nes Gewandes hoch, hob den Teufel auf seinen Rücken und machte sich auf den Weg in Richtung seines Heimes.Inmitten dieser Täler, erfüllt von Stille und ge­schmückt im Schleier der Dunkelheit, wanderte Vater Samaan seinem Dorfe entgegen, den Rücken gebeugt unter seiner schweren Last. Sein schwarzes Gewand und sein langer Bart waren blutbespritzt, Blut rann an ihm hinunter, aber er ging weiter, während sich seine Lippen in inbrünstigem Gebet bewegten, um das Le­ben des sterbenden Satans zu retten.
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